VLAN – Grundlagen & Trunking
VLANs segmentieren dein Netzwerk logisch ohne neue Kabel. Du lernst Access Ports, Trunk Ports, 802.1Q-Tagging und Inter-VLAN-Routing.
Was ist ein VLAN und warum brauchst du es?
Stell dir vor, du hast 50 Geräte an einem Switch. Alle sind im selben Netzwerksegment – also in derselben Broadcast-Domäne. Das bedeutet: Jedes ARP-Request, jeder DHCP-Discover, jeder Broadcast geht an alle 50 Geräte gleichzeitig. Das ist laut, langsam und ein Sicherheitsproblem.
Ein VLAN (Virtual Local Area Network) löst das, indem es das physische Netzwerk logisch in mehrere unabhängige Segmente aufteilt – ganz ohne neue Kabel verlegen zu müssen. Geräte im selben VLAN kommunizieren direkt miteinander. Geräte in verschiedenen VLANs sind strikt getrennt und können nur über einen Router oder Layer-3-Switch miteinander reden.
Die drei wichtigsten Gründe für VLANs im KMU-Alltag:
- Sicherheit: Das Gäste-WLAN soll niemals Zugriff auf den Fileserver haben. Mit einem VLAN ist das auf Netzwerkebene erzwungen – egal was der Gast auf seinem Gerät macht.
- Performance: Kleinere Broadcast-Domänen bedeuten weniger unnötiger Traffic. Besonders relevant bei grossen Netzwerken oder VoIP, das auf geringe Latenz angewiesen ist.
- Struktur & Übersicht: Statt einem flachen Netzwerk mit 80 Geräten hast du saubere Segmente: Büro, Server, WLAN, Drucker, Telefonie.
Typische VLAN-Aufteilung im KMU
Eine bewährte Grundstruktur für ein KMU mit 20–150 Mitarbeitenden:
| VLAN-ID | Name | Zweck | Typisches Subnetz |
|---|---|---|---|
| 1 | Default | Nur für Management, sonst leer lassen | – |
| 10 | User | Arbeitsplätze, Laptops | 192.168.10.0/24 |
| 20 | Server | Fileserver, DC, ERP | 192.168.20.0/24 |
| 30 | WLAN-Intern | Firmen-WLAN, Auth via RADIUS | 192.168.30.0/24 |
| 40 | WLAN-Gäste | Gäste-WLAN, nur Internet | 192.168.40.0/24 |
| 50 | VoIP | IP-Telefonie, QoS-priorisiert | 192.168.50.0/24 |
| 60 | Drucker | Netzwerkdrucker | 192.168.60.0/24 |
| 99 | Management | Switches, APs, Router, iDRAC | 192.168.99.0/24 |
Die VLAN-ID ist eine Zahl zwischen 1 und 4094. Reserviere Luecken fuer zukuenftige Erweiterungen – z.B. Produktions-VLAN 70 oder IoT-VLAN 80 kannst du spaeter einfach einfuegen.
Access Port vs. Trunk Port
Das ist das Kernkonzept, das du verstehen musst, bevor du irgendetwas konfigurierst:
Access Port
Ein Access Port gehoert zu genau einem VLAN. Das angeschlossene Geraet (z.B. ein PC, Drucker oder IP-Telefon) weiss gar nichts von VLANs – es sendet normalen, ungetaggten Ethernet-Traffic. Der Switch ordnet den Traffic dem konfigurierten VLAN zu.
PC ──── [Access Port, VLAN 10] ──── Switch
Das Geraet denkt, es ist einfach im Netzwerk. Der Switch kuemmert sich darum, dass der Traffic nur im richtigen VLAN bleibt.
Trunk Port
Ein Trunk Port traegt den Traffic mehrerer VLANs gleichzeitig ueber ein einziges Kabel. Trunk-Verbindungen werden fuer:
- Switch-zu-Switch-Verbindungen
- Switch-zu-Router-Verbindungen
- Switch-zu-Access-Point (wenn der AP mehrere SSIDs/VLANs aussendet)
Switch-A ──── [Trunk Port] ──── [Trunk Port] ──── Switch-B
(VLANs 10,20,30,40,50,99 gleichzeitig)
Damit der Switch weiss, welches Paket zu welchem VLAN gehoert, wird es auf dem Trunk-Port getaggt.
IEEE 802.1Q – das VLAN-Tag erklaert
Der Standard IEEE 802.1Q (gesprochen: „dot one Q”) definiert, wie VLAN-Tags in Ethernet-Frames eingefuegt werden. Das ist der universelle Standard – egal ob Cisco, HPE, Unifi oder Mikrotik.
Beim Senden ueber einen Trunk-Port schreibt der Switch einen 4-Byte-Tag in den Ethernet-Frame, direkt nach der Quell-MAC-Adresse:
[Ziel-MAC 6B][Quell-MAC 6B][Tag 4B][EtherType 2B][Payload][FCS]
^^^^
Eingeschobenes 802.1Q-Tag
Das Tag besteht aus:
| Feld | Groesse | Bedeutung |
|---|---|---|
| TPID (Tag Protocol Identifier) | 16 Bit | Immer 0x8100 – signalisiert: das ist ein 802.1Q-Frame |
| PCP (Priority Code Point) | 3 Bit | QoS-Prioritaet (0–7), fuer VoIP wichtig |
| DEI (Drop Eligible Indicator) | 1 Bit | Darf bei Ueberlast verworfen werden |
| VID (VLAN Identifier) | 12 Bit | Die eigentliche VLAN-ID (1–4094) |
Wenn das Frame am empfangenden Port ankommt, liest der Switch das Tag, leitet es ans richtige VLAN weiter und entfernt das Tag, bevor es an ein Endgeraet auf einem Access Port geht.
Native VLAN
Auf einem Trunk-Port gibt es ein spezielles Konzept: das Native VLAN. Traffic im Native VLAN wird auf dem Trunk ohne Tag uebertragen. Auf Cisco-Geraeten ist das standardmaessig VLAN 1.
Konfigurationsbeispiel: Cisco IOS
Das ist die Standardkonfiguration fuer einen Cisco-Switch. Prinzip und Kommandosatz gelten aequivalent fuer viele andere Hersteller.
! === VLANs erstellen ===
vlan 10
name User
vlan 20
name Server
vlan 30
name WLAN-Intern
vlan 40
name WLAN-Gaeste
vlan 50
name VoIP
vlan 99
name Management
exit
! === Access Port fuer Arbeitsplatz (VLAN 10) ===
interface GigabitEthernet0/1
description Arbeitsplatz Buero 1
switchport mode access
switchport access vlan 10
spanning-tree portfast
no shutdown
! === Access Port fuer IP-Telefon + PC (Voice VLAN) ===
! Das Telefon traegt VLAN 50, der dahinterliegende PC laeuft auf VLAN 10
interface GigabitEthernet0/2
description IP-Telefon mit PC
switchport mode access
switchport access vlan 10
switchport voice vlan 50
no shutdown
! === Trunk Port zum Core-Switch / Router ===
interface GigabitEthernet0/24
description Uplink zu Core-Switch
switchport mode trunk
switchport trunk encapsulation dot1q
switchport trunk allowed vlan 10,20,30,40,50,99
switchport trunk native vlan 999
no shutdown
! === Management-IP auf dem Switch setzen ===
interface Vlan99
ip address 192.168.99.10 255.255.255.0
no shutdown
Inter-VLAN-Routing: Wie VLANs miteinander kommunizieren
VLANs sind per Definition isoliert. Damit ein User in VLAN 10 auf den Fileserver in VLAN 20 zugreifen kann, muss geroutet werden. Zwei gaengige Varianten:
Option 1: Layer-3-Switch (empfohlen)
Ein Layer-3-Switch (auch Multilayer-Switch) kann sowohl switchen als auch routen. Er hat virtuelle Interfaces (SVIs – Switched Virtual Interfaces) fuer jedes VLAN und leitet Traffic zwischen VLANs intern weiter.
! Auf dem Layer-3-Switch
ip routing ! IP-Routing global aktivieren
! SVI (virtuelle Interface) fuer jedes VLAN
interface Vlan10
ip address 192.168.10.1 255.255.255.0
no shutdown
interface Vlan20
ip address 192.168.20.1 255.255.255.0
no shutdown
interface Vlan40
ip address 192.168.40.1 255.255.255.0
no shutdown
Vorteile: Sehr schnell (Hardware-Routing), keine separaten Router-Kosten, einfache Konfiguration. Das ist die bevorzugte Loesung fuer KMU.
Option 2: Router-on-a-Stick
Falls nur ein normaler Router zur Verfuegung steht: Ein einziges physisches Router-Interface wird mit Sub-Interfaces konfiguriert – eines pro VLAN. Der Switch verbindet sich ueber einen Trunk-Port mit dem Router.
! Auf dem Router
interface GigabitEthernet0/0
no shutdown ! Physical Interface muss aktiv sein, aber keine IP
interface GigabitEthernet0/0.10
encapsulation dot1Q 10
ip address 192.168.10.1 255.255.255.0
interface GigabitEthernet0/0.20
encapsulation dot1Q 20
ip address 192.168.20.1 255.255.255.0
interface GigabitEthernet0/0.40
encapsulation dot1Q 40
ip address 192.168.40.1 255.255.255.0
Der Name „Router-on-a-Stick” kommt daher, dass das eine Kabel zwischen Switch und Router wie ein Stecken aussieht – der gesamte VLAN-Traffic laeuft darueber. Nachteil: Der Uplink ist ein Flaschenhals, und der Router muss alle Inter-VLAN-Pakete verarbeiten.
Praxisbeispiel: Gaeste-VLAN einrichten
Szenario: Besucher sollen WLAN bekommen, aber keinen Zugriff auf interne Server, Drucker oder Netzlaufwerke.
Schritte:
- VLAN 40 (WLAN-Gaeste) am Switch erstellen und dem Trunk-Port zum Access Point erlauben
- Am Access Point eine zweite SSID „Gaeste-WLAN” anlegen und auf VLAN 40 mappen
- Im DHCP-Server (z.B. Firewall oder Router) einen DHCP-Pool fuer 192.168.40.0/24 einrichten, gebunden an VLAN 40
- An der Firewall eine Regel erstellen: Traffic von VLAN 40 darf nur ins Internet, nicht in VLANs 10, 20, 30, 50, 99
- Optional: DNS-Resolver fuer Gaeste auf externen Server (z.B. 1.1.1.1) setzen, nicht auf interne DNS-Server
Gaeste-Laptop → WLAN (SSID: Gaeste) → AP → VLAN 40 → Firewall → Internet
↓
Firewall blockiert: 192.168.10.0/24
192.168.20.0/24
192.168.50.0/24
Troubleshooting – haeufige VLAN-Probleme
Geraet bekommt keine IP-Adresse
- DHCP-Server kennt das VLAN nicht: Ist ein DHCP-Scope fuer das Subnetz vorhanden? Ist der DHCP-Relay-Agent (IP-Helper auf dem SVI oder Router-Interface) konfiguriert?
- Access-Port hat falsches VLAN:
show interfaces GigX switchportzeigt das konfigurierte VLAN - Trunk-Port erlaubt das VLAN nicht:
show interfaces trunkzeigt, welche VLANs erlaubt und aktiv sind
Zwei Geraete im selben VLAN koennen sich nicht pingen
- Ist STP (Spanning Tree) schuld? Pruefe ob der Port im
forwarding-Zustand ist:show spanning-tree - Firewall- oder ACL-Regeln koennen auch Intra-VLAN-Traffic blockieren
- Subnetmasken passen nicht zusammen (z.B. /24 vs. /25)
Inter-VLAN-Routing funktioniert nicht
! Aktuelle VLAN-Datenbank anzeigen
show vlan brief
! Trunk-Port-Status pruefen
show interfaces trunk
! SVI-Status pruefen (Layer-3-Switch)
show ip interface brief
! Routing-Tabelle anzeigen
show ip route
! IP-Routing aktiviert?
show running-config | include ip routing
Haeufige Ursachen:
ip routingvergessen zu aktivieren- SVI ist
shutdownoder down/down - Das VLAN ist dem Trunk-Port nicht erlaubt
- Falsche Standardroute fuer abgehenden Traffic
Netzwerk-Schleife durch Fehlkonfiguration
Wenn ein Trunk-Port versehentlich mit einem Access-Port verbunden wird, kann STP (Spanning Tree Protocol) das zwar abfangen, aber es fuehrt zu Verzoegerungen. Pruefe immer show spanning-tree wenn Ports unerklaerlich blockieren.
VLAN-Konfiguration auf anderen Plattformen
Unifi (Ubiquiti)
Im Unifi-Controller unter Networks > Create New Network: VLAN-ID eintragen, VLAN-only aktivieren. Am Switch-Port unter Port Profile das passende VLAN-Profil waehlen. Trunk-Ports (Uplinks zwischen Switches) werden automatisch konfiguriert.
HP Procurve / Aruba
# VLAN erstellen
vlan 10
name "User"
untagged 1-8 ! Access Ports: untagged = Access
tagged 24 ! Uplink: tagged = Trunk
ip address 192.168.10.1/24
# Trunk-Port zu anderem Switch
vlan 10
tagged 24
vlan 20
tagged 24
Mikrotik RouterOS
# Auf einem CRS-Switch: VLAN-Bridge konfigurieren
/interface bridge vlan
add bridge=bridge1 tagged=sfp-sfpplus1 untagged=ether1 vlan-ids=10
add bridge=bridge1 tagged=sfp-sfpplus1 untagged=ether2 vlan-ids=20
Checkliste vor der VLAN-Inbetriebnahme
- VLAN-IDs und Subnetz-Plan dokumentiert (IP-Adressplan)
- VLANs auf allen beteiligten Switches erstellt
- Trunk-Ports konfiguriert und alle benoetigen VLANs erlaubt
- Access-Ports den richtigen VLANs zugewiesen
- DHCP-Scopes fuer jedes VLAN vorhanden (oder statische IPs)
- Inter-VLAN-Routing konfiguriert (L3-Switch oder Router-on-a-Stick)
- Firewall-Regeln zwischen VLANs definiert
- Native VLAN auf beiden Seiten jedes Trunks identisch
- Konfiguration gespeichert (
copy running-config startup-config) - Dokumentation aktualisiert
Weiterlernen
- Cisco: Configure Inter-VLAN Routing with External Router – offizielle Cisco-Dokumentation mit Schritt-fuer-Schritt-Anleitung
- Cisco: Inter-Switch Link and IEEE 802.1Q Frame Format – technische Details zum 802.1Q-Tag-Format
- IEEE 802.1Q-2018 Standard – offizieller IEEE-Standard (kostenpflichtig, aber Abstract kostenlos)
- Thomas-Krenn Wiki: VLAN Grundlagen – gute deutschsprachige Uebersicht mit Diagrammen
- NetworkAcademy.IO: VLAN Trunking – erklaert Trunking und 802.1Q sehr anschaulich auf Englisch
Verwandte Seiten in diesem Wiki:
- TCP/IP Grundlagen – Voraussetzung: IP-Adressierung und Subnetting
- DNS Grundlagen – DNS-Anfragen aus verschiedenen VLANs korrekt auflosen
- DHCP Grundlagen – DHCP-Relay konfigurieren fuer mehrere VLANs
- WLAN Grundlagen – WLAN-VLANs und SSIDs verbinden
- Wireshark Grundlagen – VLAN-Tags in Paketen analysieren
- IT-Security Grundlagen KMU – Netzwerksegmentierung als Sicherheitsmassnahme
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